Blick über den Zaun

Joe Bauer schrieb in der Stuttgarter-Zeitung am 18.11.2008

Frische Brötchen

Es heißt, es habe große Aufregung geherrscht in der Stadt, weil eine Dame im roten Kleid den Presseball heimgesucht hat. Erst dachte ich, Anita Berber habe sich aus dem Rahmen des Dix'schen Bildes im Kunstmuseum befreit und die B-Promis in der Liederhalle mit einem Nackttanz beglückt. Es war aber nicht die rote Berber aus Berlin, nur die blonde Beyer aus Hamburg, und die verschwand schon nachts um zwei an der Hand des bleichen Oettinger.

"BamS" meldete, der Ministerpräsident, 55, habe beim Gehen neben der jungen Beyer, 30, auch eine Tüte frischer Brötchen in der Hand gehabt. Am Morgen, schätze ich, hat er am Bett der Neuen mit seinen altbackenen Wecken gut Wetter gemacht. "Ich könnte", hat er genäselt, "dein Landesvater sein."

Keiner hat mir gemeldet, wie der Regierungschef nach Hause gekommen ist. Vermutlich mit seinem Fahrer. Ein Taxi wäre zu teuer. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" hat eine Tabelle veröffentlicht, wonach die Droschkenfahrt in Europa hinter Zürich (17,60 Euro für 5 Kilometer) und London (16,90) bei uns am teuersten ist. 14,30 Euro will der Stuttgarter Taxler für 5000 Meter, das sind 4,40 Euro mehr als in Berlin und 1,70 Euro mehr als in Frankfurt am Main, wo ohnehin nur Kohlensäcke spazieren fahren. Vergleiche hinken, aber selbst in New York wird man in einem Ford für 9,60 Euro durch die Gegend kutschiert, und der geneigte Yellow-Cab-Kunde sieht dort auch noch was für sein Geld.


Lange habe ich unsere Taxifahrer in der Stadt gegen alle Attacken verteidigt, vor allem gegen die Trottel, die immer nur an Silvester nach einem Taxi brüllen und sich dann beschweren, wenn es nicht fünf Minuten später mit frischen Brötchen und neuer Dame vor der Tür steht.

In New York, habe ich gesagt, brauchst du weniger Sprit, weil die weniger Idiotenhügel haben als wir. Auch in Berlin geht es nie bergauf, auch nicht ökonomisch. Jeder gute Berliner Taxifahrer aber, dies nebenbei, würde eine nackte Berber mit Freude zum Nulltarif nach Hause bringen. Bei uns in Stuttgart dagegen, das hat mir neulich ein Taxifahrer erzählt, machen Fußballprofis Radau, wenn sie ihren Verkehrstarif bezahlen sollen - im Puff von Echterdingen.

Der Stuttgarter Taxiverkehr, das sage ich heute, ist sein Geld nicht mehr wert, seit jeder herumfahren darf, wie es ihm passt. Es gab Zeiten, da hörte ich den Daimler schon von weitem schnurren, ich konnte ihn am Auspuff riechen. "O du meine Wanderdüne", habe ich gesungen. Seit den siebziger Jahren waren diese Wagen hell-elfenbeinfarben gewandet, zu deutsch: Sie waren beige und hießen Mercedes. Dann wurde die Einheitsfarbe abgeschafft, und heute kann man eine Droschke nicht mehr von der Karre eines Eisverkäufers unterscheiden. Irgendein japanischer Reistransporter mit werbemäßigem Tretbootkiel auf dem Dach kommt angegurkt, und der Dialog zwischen Gast und Fahrer geht so:

Gast am Hauptbahnhof: "Ich möchte in die Klopstockstraße." Fahrer: "Wo ist das?" Gast: "Egal. Fahren Sie zum Rosenbergplatz." Fahrer: "Kenne ich nicht." Gast: "Macht nichts. Fahren Sie Richtung Liederhalle." Fahrer: "Ist das in Untertürkheim?" Gast: "Nimm deine Schrottkarre und fahr nach Hause." Fahrer: "Macht vierzig Euro achtzig." Gast: "Hier hast du einen Fünfziger. Bring deiner Fahrlehrerin frische Brötchen mit."


Joe Bauer

18.11.2008 - aktualisiert: 18.11.2008 10:28 Uhr